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GUT LÖWENSTEIN

Mecklenburg, 1857: Eine prächtiges Landgut am See, eine verbotene Freundschaft und ein Dienstmädchen mit einer dunklen Vergangenheit …

Komm mit ins Jahr 1857 ... auf ein prächtiges Landgut im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin ...

Mecklenburg, 1857: Willa will nicht heiraten, ganz egal, was ihre Mutter sagt. Stattdessen unterhält sie eine heimliche Freundschaft zu Levin, dem Sohn eines Pächters. Als diese Freundschaft zu Liebe wird, steht Willa vor einer schweren Entscheidung: Freiheit oder Pflicht?

Zur gleichen Zeit beginnt Anna ihre Anstellung als Hausmädchen auf Gut Löwenstein. Beziehungen zu den Herrschaften sind streng verboten, doch als die anderen Mädchen ihr eines Nachts einen bösen Streich spielen, ist es ausgerechnet der älteste Sohn der Baronin, Ludwig, der sie in ihrer misslichen Lage entdeckt ...

 

***


»Wieso bist du hier?«, fragte sie. »Wieso hast du wieder angefangen, auf mich zu warten?«
Er legte die Hand unter ihr Kinn und brachte sie dazu, ihn wieder anzusehen. »Ich weiß nicht genau. Ich denke, ich wollte wissen, ob es sich noch ... so anfühlt. Wie in meiner Erinnerung.« Er strich über ihre Wange, und sie schluckte. »Jetzt habe ich meine Antwort, nicht wahr?«
Nein, das ging zu weit. Hastig entzog sie sich ihm.
»Willa«, sagte er, als sie zurückwich.
»Du kannst nicht mehr hierherkommen.«
Levin hatte die Hand noch nach ihr ausgestreckt. Ein verletzter Ausdruck lag in seinen Augen. »Willa. Warte. Ich wollte nicht ...«
Sie schüttelte den Kopf, und er verstummte. Dann drehte sie sich um und floh. Im Laufen nahm sie ihren Korb auf. Als sie die Anhöhe erklomm, stolperte sie über ihren Rock, fluchte wenig damenhaft, lief weiter. Sie hörte keine Schritte hinter sich. Er versuchte nicht, sie zurückzuhalten. Und sie sah sich kein einziges Mal um.


 

Die Rebellin

Auftakt der Löwenstein-Saga - Band 1 von 5

Illustration: DigitalCreativeDen

In dieser Sekunde flog die Eingangstür des Herrenhauses auf und ein Mädchen mit feuerroten Haaren und einem geflochtenen Weidenkorb am Arm stürmte die Freitreppe hinunter. Anna blieb so abrupt stehen, dass sie beinahe gestolpert wäre.

Das Mädchen trug ein cremeweißes, hochgeschlossenes Kleid mit Rüschen an den Ärmeln. Ihr Haar war nicht aufgesteckt, wie es sich gehörte, sondern fiel ihr offen über den Rücken. Ohne auch nur in Annas Richtung zu sehen, wandte sie sich nach rechts, blieb an einem Strauch Pfingstrosen hängen. Mit einem Fluch machte sie sich los und rannte dann eine schmale Steintreppe hinunter, über die Wiese in Richtung des Sees.

Eine zweite Frau erschien an der Tür. Sie war überaus adrett, mit aufgestecktem kupferfarbenem Haar und einem spitzen, strengen Gesicht. Ihr Kleid leuchtete hellgrün wie eine Sommerwiese, und ihre Taille war so schmal, dass man sie sicher mit beiden Händen umfassen konnte. In einer Hand hielt sie eine Leine, und an dieser Leine lief eine große, gefleckte Katze, von einer Art, die Anna nie zuvor gesehen hatte. Eine einfache Hauskatze war es jedenfalls nicht. »Junges Fräulein!«, rief die Frau dem Mädchen hinterher. »Wilhelmine von Seefeld! Komm zurück!«

»Ich habe dich so lange nicht gesehen.« Sein Blick wanderte an ihr auf und ab, eine Spur zu langsam und viel zu eindringlich. Ihr Puls beschleunigte sich. »Ich habe mir immer vorgestellt, wie du jetzt wohl aussiehst. Fast jeden Tag. Du bist noch viel schöner geworden als in meiner Vorstellung.«

Sie schluckte. Oh. 

Illustration: MD Shahjahan

Illustration: SVGDesignRocket

»Mutter will, dass ich bald heirate«, sagte sie.

»Einen Kandidaten gibt es noch nicht – nicht, dass ich wüsste. Aber ich denke nicht, dass sie mir noch viel Zeit lassen wird.« 

Darauf erwiderte er nichts.

Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Hatte er sich neben ihr versteift? Seine Schultern waren angespannt. Seine Miene viel düsterer, als sie es von ihm kannte. Dabei sollte ihn das nicht überraschen. Ein junges Fräulein musste irgendwann heiraten, und sie war jetzt neunzehn Jahre alt. Alt genug, auch wenn manche Mädchen viel länger warteten. Diese Mädchen hatten vermutlich andere Mütter.

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Illustration: curvedesign

Folgsam stieg Anna auf den Schemel und lehnte sich zum Fenster. Dabei fiel ihr Blick auf den grünen Hof unter ihr. Ihr Herz machte einen Satz. Würde sie jetzt das Gleichgewicht verlieren, würde sie in die Rosenbüsche unter ihr stürzen und sich alle Knochen brechen ...

»Mach schon«, sagte Grete. Sie klang belustigt. »Und pass auf, dass du nicht herunterfällst. Du willst doch nicht die schönen Pfingstrosen ruinieren.«

Anna verkniff sich jede Erwiderung und begann, mit dem Zeitungspapier über die Fensterscheiben zu wischen. Überall hatte sich der gelbe Staub von den Lindenblüten abgesetzt, und das Papier schien ihn nur hin und her zu wischen. Schon bald entstanden an der Stelle, an der sie putzte, hässliche Schlieren auf dem Glas. Oje. Offensichtlich machte sie es falsch ...

»Fester«, sagte Grete, und Anna gehorchte. Bald schon schmerzte ihr Arm. Sie spürte Grete hinter sich, ihre Blicke in ihrem Nacken, aber sie zwang sich zur Konzentration. Sie musste das hier gut machen. Die Fenster mussten blitzsauber werden. Mutter verließ sich auf sie, und die Kleinen auch.

Ihr Arm begann, vor Anstrengung zu zittern. Einmal schwankte sie auf dem Schemel und schaffte es gerade noch, sich am Fensterrahmen festzuhalten. Nur ihr eigenes Keuchen durchbrach die Stelle. Wieso sagte Grete nichts? Sie vernahm keinen Spott, kein Kichern, nicht einmal eine Mahnung – nur Stille.

Mit klopfendem Herzen schaute sie über die Schulter.

Grete war verschwunden. Abgesehen von ihr selbst war niemand hier. Nanu? Hatte Grete sie nicht bei der Arbeit beaufsichtigen wollen? Wohin war sie verschwunden, ohne ein Wort noch dazu?

Sie drängte die aufsteigende Nervosität zurück. Grete konnte hier ja nicht bloß stehen und ihr zuschauen. Es gab in diesem gewaltigen Anwesen sicher genug zu tun. Sie atmete tief durch und fuhr damit fort, mit dem Zeitungspapier über die Fensterscheibe zu fahren. 

Hätte sie nur etwas Seifenlauge oder Essig! Auf diese Weise schob sie doch nur den gelben Lindenstaub hin und her, und egal, wie fest sie aufdrückte, es wurde einfach nicht richtig sauber ...

Da hallten Stimmen durch den Flur.

Anna erstarrte und blickte zur Tür. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Die Tür flog auf. Anna fuhr zusammen, fiel beinahe vom Schemel.

Zwei Männer traten ins Zimmer. Der eine trug sein Jackett falsch herum, hatte freundliche Augen und zerzaustes feuerrotes Haar. Er konnte nicht viel älter sein als Anna.

Der Mann, der hinter ihm ins Zimmer trat, wirkte älter und viel weniger freundlich. Sein Gesicht war ebenmäßig und streng, und das einfallende Tageslicht fing sich in seinem kupferfarbenen Haar. Er war schön, aber auf eine harte, verschlossene Weise. 

Die jungen Herrschaften. Anna schluckte.

DIE KINDER VON GUT LÖWENSTEIN

Die Rebellin

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